Was ist deine Realität?

Wenn du dieses Bild betrachtest, siehst du dann eine junge oder eine alte Frau?
Als man mir zum ersten Mal dieses Bild zeigte, konnte ich nur die junge Frau sehen. Ich wusste, dass es eine alternative Sichtweise gibt, aber ich konnte sie absolut nicht sehen. Ich musste die Version der alten Frau googlen und einer Anleitung folgen, bis ich es schaffte.

Sobald dein Gehirn sich für eine Version der Wahrheit entschieden hat, kann es eine Menge Arbeit bedeuten, diese Wahrnehmung zu verändern. Deine Wahrnehmung erzeugt deine Realität und deine Überzeugungen und Glaubenssätze erzeugen deine Wahrnehmung. Deshalb können zwei Menschen auf ein und dasselbe Bild schauen und unterschiedliche Dinge sehen. Sobald dein Gehirn sich für eine Wahrnehmung entschieden hat, sei es ein Bild oder eine Situation, kann es ganz schön schwierig sein, das Ganze von einer anderen Sichtweise aus zu betrachten.

Die Wahrheit ist, dass du wirklich die Realität siehst. All die ganzen Informationen und Eindrücke, die permanent auf dein Gehirn einwirken, werden von deinem Gehirn gefiltert. Das ist ziemlich schlau von deinem Gehirn, denn sonst würdest du unter dieser Informationsflut untergehen. Durch diese Filterfunktion kann es, wenn es in einer Gefahrensituation extrem schnell gehen muss, reagieren. Es hält dich sicher und gesund. Doch wie genau funktioniert diese Filterfunktion?

Damit du möglichst schnell Informationen verarbeiten kannst, nutzt dein Gehirn Annahmen, Vermutungen und Unterstellungen. Auf Grundlage deiner Überzeugungen und deiner Lebenserfahrung zieht es aus all den Eindrücken, die auf dich einwirken, plausible Informationen. Was dir dein Gehirn über das, was du gerade erlebst mitteilt, wird von deinen Erlebnissen in der Vergangenheit und deinen Glaubenssätzen beeinflusst. Jeder lebt somit ein Stück weit in seiner eigenen Realität.

Politik und Religion sind super Beispiele dafür, wie unsere Überzeugungen unser Wahrnehmen und unsere Realität formen. Abhängig von ihrer politischen Überzeugung und Ausrichtung können zwei Personen das selbe politische Statement lesen und ein völlig unterschiedliches Verständnis davon entwickeln. Wenn Wahlergebnisse veröffentlicht werden, dann halten wir Leute, die für die andere Partei gestimmt haben für „bescheuert“ oder „verrückt“. Die andere Seite hat Unrecht, es sind die anderen, die die ganze Sache nicht richtig sehen. Wir glauben hartnäckig, dass unsere Wahrnehmung die einzige Wahrheit widerspiegelt.

Eine Essstörung verändert das Wahrnehmen

Wenn sich dein Körper in einem Mangelzustand bzw. chronischen Energiedefizit befindet (dieser kann unabhängig vom Gewicht vorhanden sein), dann verändert sich die Art und Weise wie du die Welt und dich selbst wahrnimmst. Siehe dazu auch Teil 1 meiner Serie „Was ein dreibeiniger Stuhl mit der Genesung von einer Essstörung gemeinsam hat: Teil 1“. Essen und Lebensmittel lösen in diesem Zustand meist Angst aus und sind mit vielen weiteren unangenehme Gefühlen wie Schuld, Scham oder Ekel verbunden. Es gibt Studien, die belegen, dass wenn sich eine Person im Mangelzustand befindet, das Gehirn anders auf bestimmte Situationen reagiert als gewöhnlich. Im Mangelzustand ist der Stresshormonpegel im Körper dauerhaft erhöht, er ist permanent in Alarmbereitschaft, er signalisiert Gefahr.

Sobald du eine Bedrohung wahrnimmst, wird dein internes Alarmsystem, der Hirnstamm oder auch „Reptiliengehirn“ genannt, benachrichtigt. Es enthält alle lebenswichtigen Bereiche wie die Atmung, die Regulation des Herzschlags, die Nahrungsaufnahme und die Darmträgheit. Deshalb musst du zum Beispiel, wenn du dich vor etwas fürchtest, schnell aufs Klo oder hast Herzklopfen. Vor was du dich fürchtest oder was du als Bedrohung wahrnimmst, wird jedoch von deinen Überzeugungen und Glaubenssätzen beeinflusst. Und weil deine Wahrnehmung deine Realität erzeugt, ist es ganz egal wie ungefährlich das, was du als Bedrohung wahrnimmst eigentlich ist – körperlich wird dadurch eine Angstreaktion ausgelöst.

Nehmen wir zum Beispiel eine Person, die Angst vor Schlangen hat. Eine Freundin von mir hatte in der Kindheit eine große Plüschschlange, genannt Betsy. Betsy war harmlos. Doch es ist ganz egal, wie harmlos Betsy war, eine Person die furchtbar Angst vor Schlangen hat, hätte sich Ihr wenn überhaupt nur mit sehr viel Widerwillen und Zuspruch genähert. In Anbetracht dessen, dass ich zum Beispiel keine große Angst vor Schlangen habe (ich hatte sogar schon eine um den Hals hängen), sagt meine Wahrnehmung gar nichts über die Angst aus, die eine andere Person beim Anblick einer Schlange haben kann. Es steht uns nicht zu, über die Angst eines anderen zu urteilen. Angst ist Angst. Doch die Wahrnehmung von Angst ist veränderbar.

Das Wahrnehmen verändern

Wie oben beschrieben, führt alleine ein körperliche Mangelzustand zu einer Wahrnehmungsveränderung. Wenn du unter einer Essstörung wie Anorexie oder Bulimie leidest, dann wird Essen meist als Bedrohung wahrgenommen. Aber Essen und Lebensmittel sind keine Bedrohung. Von Essen geht keine wirkliche Gefahr aus, es kann einen nicht angreifen. Dennoch verarbeitet das Gehirn Essen in diesem Zustand als Bedrohung. Diese Wahrnehmung wird zur neuen Realität.

Der Mangelzustand ist also der Auslöser für eine solche Wahrnehmungsveränderung. Ist dann die Lösung einfach den Mangelzustand zu beheben?

Ja und Nein. Nicht allein. Hier kommt die Neuroplastizität des Gehirns ins Spiel. Es kommt darauf an, wie lange du bereits unter einer Essstörung leidest und wie stark sich bereits neue Nervenbahnen, ich nenne hier sie einfach mal „Trampelpfade“ im Gehirn gebildet haben. Je länger du dich im Mangelzustand befindest und die Trampelpfade nutzt, welche destruktives Verhalten, wie bspw. Restriktieren, Erbrechen, exzessives Sporttreiben etc. hervorrufen, umso breiter und ausgetretener werden diese Trampelpfade. Wenn nun der körperliche Mangelzustand behoben wird, ist dein Körper zwar nicht mehr dauerhaft in Alarmbereitschaft, die Trampelpfade sind jedoch immer noch vorhanden. Die gute Nachricht ist jedoch, dass die Bildung neuer konstruktiver Trampelpfade einfacher ist, sobald der körperlicher Mangelzustand behoben wurde. Verhaltensweisen und Reaktionen, die zuvor wie festgefahren und in Stein gemeißelt gewirkt haben, werden dadurch gelockert und leichter zu bezwingen. Dein Körper ist entspannter.

Es ist anstrengend und hart, sein Verhalten zu ändern, wenn die eigenen Überzeugungen nicht damit übereinstimmen. Wenn der Glaubenssatz bspw. lautet „ Wenn ich zunehme bin ich hässlich und dann mag mich keiner mehr“, dann kann es verdammt hart sein, viel zu Essen und zuzunehmen. Aber genau das ist es, was du tun musst, um von einer Essstörung zu heilen. Du musst dich dieser Angst stellen. Du musst deine Glaubenssätze und Überzeugungen hinterfragen und ändern und zwar so, dass sie dich dahin führen, wo du hin möchtest. Wie bereits erwähnt sind es nämlich genau die eigenen Glaubenssätze und Überzeugungen, welche das Wahrnehmen und somit die eigene Realität erschaffen. Du musst dich also fragen, wer du sein und wie du leben möchtest. Du kannst entscheiden, wie du die Welt wahrnehmen und wer du sein möchtest. Und jeder noch so kleine Schritt, der deinen Körper aus dem Mangelzustand führt, macht es leichter. Die Natur unterstützt dich darin. Durch wiederholtes Anwenden neuer konstruktiver Verhaltensweisen bilden sich neue Trampelpfade, die es dir ermöglichen, immer leichter und schneller auf diese Art und Weise zu reagieren. Denn alles was wir üben, können wir darum mit der Zeit immer besser. Umgekehrt baut die Natur alle Trampelpfade ab, die wir nicht mehr nutzen. So verlernen wir das, was wir unterlassen, mit der Zeit immer mehr. Dieser Prozess braucht etwas Zeit. Auf die Art und Weise wirst du allerdings auch über Jahre angelegte Trampelpfade wieder los und kannst neue Erschaffen, die dich ans Ziel führen.  Also, worauf wartest du noch?

Wer möchtest du sein und wie möchtest du die Welt wahrnehmen?
Du kannst bereits heute dafür losgehen!

 
 

Falls du Unterstützung oder Begleitung für diesen Prozess benötigst, dann melde dich gerne bei mir.

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