Was ein dreibeiniger Stuhl mit der Genesung von einer Essstörung gemeinsam hat: Teil 2

So wie ein Stuhl mindestens drei Beine benötigt, damit man auf ihm stabil sitzen kann, benötigt auch die Heilung von einer Essstörung aus meiner Sicht mindestens drei Standbeine. Im Englischen spricht man auch von den drei R’S: Re-Feeding, Resting und (Brain) Retraining.  Im ersten Teil habe ich euch erklärt, warum es bei starkem Untergewicht so wichtig ist, dem Körper wieder ausreichend Nahrung zuzuführen und möglichst schnell wieder ein gesundes normales Gewicht zu erreichen.  Dies (Re-Feeding) ist das erste Standbein.

In diesem Beitrag geht es nun um das zweite Standbein, die körperliche Schonung oder auch Resting.

Körperliche Schonung (Resting)

Warum ist es aus dem Weg aus einer Essstörung so wichtig, sich körperlich zu schonen und möglichst keinen Sport zu machen? Dafür gibt es mehrere Gründe, die ich euch im Folgenden erklären möchte.

Wenn man sich im Untergewicht befindet, dann ist der Stoffwechsel  verlangsamt, der Hormonhaushalt im Ungleichgewicht, man friert permanent und hat weitere körperliche Beschwerden. Der Körper benötigt somit in dieser Phase Ruhe und Kraft um innere Schäden zu reparieren und den Stoffwechsel wieder zu beschleunigen. Wenn man nun Sport macht z. B. Joggen geht oder ins Fitnessstudio, bekommt der Körper falsche Signale. Der Körper wird den Stoffwechsel weiterhin niedrig halten, um genug Energie und Kraft für die körperliche Betätigung zu haben und sendet gleichzeitig Stresshormone aus. Dadurch wird eine Genesung nur verlangsamt und erschwert. Man dreht sich quasi im Kreis. Der Körper bekommt keine Chance zur Heilung und innere Schäden zu reparieren. Er läuft weiterhin auf Sparflamme. Zudem ist das Risiko für Knochenbrüche bei Betroffenen im Untergewichtsbereich erhöht. Grund dafür ist  eine häufig verminderte Knochendichte. Es ist also auch gefährlich in dieser Phase Sport zu machen.

Zum anderen ist (exzessives) Sporttreiben meist auch ein Symptom der Essstörung, unabhängig vom Gewicht. Egal ob Laufen, Radfahren oder Schwimmen, oft wird Sport eingesetzt um damit das Gewicht oder die Figur zu beeinflussen. Es dient also primär der Kompensation – um eingenommene Kalorien wieder loszuwerden oder auch um Gefühlen aus dem Weg zu gehen. Es fühlt sich an wie wenn man innerlich getrieben oder auf der Flucht ist. Problematisch ist es nicht nur bei exzessivem Sporttreiben, sondern auch dann, wenn Schuldgefühle entstehen, wenn mal kein Sport gemacht werden kann. Auch wenn Sport wie ein innerer Zwang betrieben wird oder trotz Krankheit oder Verletzung, ist es ein Symptom der Erkrankung und problematisch. Zudem nimmt das exzessive oder zwanghafte Sporttreiben oft viel Zeit in Anspruch, was zur Vernachlässigung von sozialen Kontakten beitragen und auch zu Problemen bei der Arbeit führen kann. Sportliche Betätigung ist in vielen Fällen somit kein wahres Bedürfnis sondern wird durch Essstörungsgedanken ausgelöst. Sport sollte jedoch in erster Linie dazu dienen, Körper und Geist etwas Gutes zu tun und Spaß zu haben. 

Somit ist der Verzicht auf Sport, während der Genesung von einer Essstörung nicht nur essentiell für die Heilung des  Körpers, sondern auch für die Wiederherstellung der psychischen und seelischen Gesundheit. Es sollte zumindest so lange mit Sport pausiert werden, bis man ein gesundes Gewicht erreicht hat und Sport nicht mehr als Kompensation genutzt wird. Sport und Bewegung sollte primär Spaß machen sowie der Entspannung und dem Ausgleich dienen. Im ersten Schritt ist es wichtig (wieder) zu erlernen,  den Körper bewusster und liebevoller wahrzunehmen sowie Freude an der Bewegung zu empfinden. Achtsame Sportarten wie z. B. Yoga oder sanftes Dehnen können dabei helfen.

Wenn man nun lange Zeit exzessiv Sport getrieben hat, ist es natürlich nicht einfach damit sofort aufzuhören. Dies bereitet vielen Betroffenen oftmals große Angst. Zum einen Angst vor einen schnellen und großen Gewichtszunahme und zum anderen Angst vor bestimmten Gefühlen, die dann auftauchen könnten. Doch es ist unglaublich wichtig, vor dieser Angst nicht davonzurennen, sondern sich ihr zu stellen – ich spreche da aus eigener Erfahrung. Auch ich hatte früher einen starken Bewegungsdrang, ich weiß wie sich das anfühlt. Doch ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es nur einen Weg gibt, um damit umzugehen. Man muss sich dieser Angst stellen. Dieser Angst davor, was passieren könnte, wenn man einfach mal auf Sport verzichtet und dem Körper Ruhe gönnt. Die Angst wird sonst nur immer größer. Auch du wirst feststellen, dass du daran nicht stirbst, das nichts schlimmes passiert und auch dass du  deshalb nicht gleich dick und fett wirst. Um mit dieser Angst jedoch besser umgehen zu können,  ist es wichtig andere Beschäftigungen zu finden, die einem Spaß machen und ablenken. Und davon gibt es so unglaublich viele.

Anstatt Sport zu machen, sollte man also eine Beschäftigung finden, die einem gut tut und Freude bereitet. Wenn man nun z. B. früh morgens immer Joggen war, kann man die gleiche Zeit nutzen um sanfte Yogaübungen zu machen, zu meditieren oder Tagebuch zu schreiben. Wundervolle Aktivitäten zum Zeitvertreib sind auch Stricken, Häkeln, Basteln, Nähen oder andere Handarbeiten.  
Raus in die Natur zu gehen und einen kleinen(!) Spaziergang zu machen, kann auch dabei helfen, sich abzulenken und die Stimmung zu verbessern. Man kann den Spaziergang auch damit verbinden schöne Fotos zu machen oder neue Facetten der Stadt, in der man wohnt, kennen zu lernen.  Manchen hilft es auch im eigenen Garten aktiv zu werden, z. B. eigenes Gemüse anzubauen oder einfach schöne Blumen zu pflanzen.

Vielleicht hilft es dir auch dich an die Tätigkeiten zu erinnern, die dir  vor Beginn der Essstörung Spaß gemacht haben. Welche Interessen hattest du?  Vielleicht möchtest du eine neue Sprache lernen oder deine Fremdsprachkenntnisse erweitern?

Wichtig und schön ist es natürlich auch, sich einfach wieder mit Freunden zu treffen, gemeinsam Spaß zu haben und mal wieder etwas zu unternehmen. Kino, Museum oder auch nur ein Plausch in einem Café, es gibt so viele Möglichkeiten.

Wenn die eine Aktivität oder Beschäftigung nicht für dich passt, dann probiere einfach eine andere aus. Erweitere deinen Horizont. Sei neugierig darauf, was du noch so alles (an dir) entdecken darfst und was dir Spaß machen könnte. Dein Weg der Heilung muss nicht angsterfüllt, anstrengend oder eintönig sein. Du darfst diesen Weg genießen und Spaß dabei haben. Du musst es dir nur erlauben und damit beginnen.

Die Verwendung des Körpers für irgendein anderes Ziel als die Erweiterung der Liebe bedeutet ein von Krankheit befallenes Denken.
(Louise Hay).

Nun hast du bereits die ersten beiden Standbeine, die es braucht um nachhatlig von einer Esstörung zu genesen, kennen gelernt. Im nächsten Beitrag geht es um das dritte Standbein, das (Brain-)Retraining. Du erfährst von mir, warum das Lösen innerer Blockaden und das Erlernen von konstruktiven Verhaltensweisen so wichtig für eine stabile Heilung sind und wie das im Einzelnen aussehen kann.

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3 Gedanken zu „Was ein dreibeiniger Stuhl mit der Genesung von einer Essstörung gemeinsam hat: Teil 2“

  1. „Sorge für Dich als wärst du die Liebe Deines Lebens!“
    Dieses Zitat ist mein Begleiter im Moment und das Extreme welches bei einer Sucht im Fokus steht ist die Kunst wieder ins normale Gleichgewicht zu bringen.

  2. Von Herzen Danke für deine wunderbaren Beiträge … weißt du schon, wann dein nächster Beitrag für das dritte Standbein erscheint?

    1. Freut mich sehr, dass dir meine Beiträge gefallen :). Ich sitze gerade fleißig am nächsten Beitrag und plane ihn im Laufe nächster Woche zu veröffentlichen.

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