Was ein dreibeiniger Stuhl mit der Genesung von einer Essstörung gemeinsam hat: Teil 1

Damit man auf einem Stuhl stabil sitzen kann, benötigt er mindestens drei Beine. Ansonsten sitzt man sehr wackelig und kippt über kurz oder lang um.

Ähnlich wie dieser Stuhl benötigt die Genesung von einer Essstörung drei Standbeine, damit diese langfristig stabil und nachhaltig ist. Auf Englisch spricht man auch von den drei R’s : Re-Feeding, Resting und (Brain)Retraining, also (Wieder) Ernährung, körperliche Schonung und (mentales) Umlernen. Die Therapie einer Essstörung verfolgt somit einen ganzheitlichen Ansatz. Es gilt im ersten Schritt eine Normalisierung des Essverhaltens sowie des Gewichts herbeizuführen sowie im zweiten Schritt bzw. parallel dazu Strategien zu entwickeln um negative Verhaltensmuster und Glaubenssätze aufzulösen bzw. diese durch konstruktive und heilende Muster zu ersetzen.

In diesem Beitrag gehe ich auf den ersten Punkt, die Normalisierung des Essverhaltens und Gewichts ein.

Re-Feeding: Normalisierung des Essverhaltens und Gewichts

Einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg raus aus einer Essstörung ist die Normalisierung des Essverhaltens, das Erreichen von Normalgewicht und ggf. das Akzeptieren einer temporären Gewichtszunahme, wenn man sich bereits im Normalgewicht befindet. Warum das so ist, möchte ich im Folgenden erklären.

Es gibt zahlreiche Studien und Untersuchungen darüber, was passiert, wenn dem Körper über einen längeren Zeitraum nicht ausreichend Nahrung zugeführt wird. Eine der bekanntesten Studien basiert auf einem tatsächlich durchgeführten Experiment, dem Minnesota Starvation Experiment aus dem Jahr 1944. Dieses Experiment wurde mit 36 freiwilligen erwachsenen Männern durchgeführt. Zunächst wurden alle Männer über einen Zeitaum von drei Monaten bei einheitlicher und ausreichender Nahrungszufuhr regelmäßig untersucht und ihre biologischen aber auch psychologischen Werte wurden kontrolliert. Alle Männer waren sowohl körperlich als auch psychisch vollkommen gesund.
Nach diesen drei Monaten setzte man alle Männer sechs Monate auf Diät. Jeder von Ihnen erhielt in diesem Zeitraum mit ca. 1500 kcal pro Tag deutlich weniger Kalorien, als ein gesunder erwachsener Mann pro Tag benötigt. Der Körper wurde bewusst in einen Hungerzustand versetzt. Dies blieb natürlich nicht ohne Auswirkungen. Die Folgen waren neben negativen körperlichen Veränderungen auch negative Persönlichkeitsveränderungen sowie ein verändertes Essverhalten.

Körperliche Veränderungen in Form einer Gewichtsabnahme sind meist Anlass bzw. Ziel einer Diät. So verloren die Probanden zum einen natürlich an Gewicht. Gleichzeitig setzt bei einer Diät jedoch ein sogenannter Hungerstoffwechsel ein. Der Körper arbeitet dann auf Sparflamme. Der Grundumsatz der Männer, also die Menge an Energie (Kalorien) die der Körper im Ruhezustand benötigt, um normale physiologische Prozesse durchzuführen, verringerte sich. Das Herzvolumen der Männer wurde kleiner, der Puls verlangsamte sich und ihre Muskelmasse wurde abgebaut. Dies alles ist letztendlich ein Schutzmechanismus des Körpers. Er versucht sich auf die verringerte Nahrungszufuhr einzustellen und alle lebensnotwendigen Funktionen aufrecht zu erhalten. Weitere Symptome der Männer während der Hungerphase waren unter anderem häufiges Frieren, Haarausfall, das Auftreten von Schwindelgefühlen, Alterungserscheinungen, eine verringerte Leistungsfähigkeit sowie schwindende Kräfte.

Neben diesen rein körperlichen Symptomen traten jedoch bei allen Probanden auch negative Veränderungen der Persönlichkeit bzw. psychische Veränderungen in unterschiedlicher Ausprägung auf:  Es zeigten sich depressive und apathische Symptome. Die Probanden verloren ihr Interesse an Tätigkeiten, die ihnen bisher Spaß gemacht hatten. Sie wurden auffällig ängstlich, nervös und reizbar. Die Urteils- und Entscheidungsfähigkeit der Männer wurde stark verringert bzw. eingeschränkt und sie waren kaum noch belastbar bzw. wurden sehr schnell müde. Die Männer legten weniger Wert auf ihre Körperpflege, zum Teil bis hin zur Verwahrlosung. Viele von ihnen litten außerdem an einer sogenannten Körperschematastörung, d.h. obwohl sie total abgemagert und ausgemergelt waren, empfanden bzw. sahen sie sich im Spiegel als zu dick. Bei manchen Männern zeigten sich zudem Symptome einer beginnenden Psychose.

Interessant war außerdem, dass sich das Essverhalten sowie die Einstellung der Probanden zum Essen sehr veränderten. Die Gedanken der Männer kreisten zunehmend um Nahrungsmittel und Essen. Manche von Ihnen konnten sich kaum mehr mit anderen Themen beschäftigten. Sie begannen Rezepte zu sammeln, Kochbücher zu lesen oder wie besessen Bilder von Mahlzeiten zu betrachten. Viele von Ihnen entwickelten bestimmte Rituale beim Essen, wie beispielsweise besonders langsam zu essen. Das Essen wurde ihnen heilig und zur Priorität. Was bekanntlich verboten oder eingeschränkt ist, wird häufig erst recht interessant und verankert sich somit im Unterbewusstsein.
Auffällig war außerdem, dass die Männer eine starke Vorliebe für Kaugummi kauen entwickelten, stärker rauchten als früher oder sogar mit dem Rauchen anfingen. Dies waren alles Möglichkeiten der Ersatzbefriedigung. 

Nach dieser Hungerphase begann die Rehabilitations- bzw. Auffütterungsphase der Probanden über einen Zeitraum von 3 Monaten. Die Männer wurden in Gruppen eingeteilt und erhielten 400 bis 1600 Kalorien mehr pro Tag als in der Hungerphase. Selbst mit Zusatzpräparaten wie Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln konnten bei den Probanden in der Gruppe mit der niedrigsten Kalorienerhöhung jedoch kaum psychische und physische Verbesserungen festgestellt werden. Ihr Grundumsatz blieb annähernd gleich im Gegensatz zu den Probanden aus der Gruppe mit der höchsten Kalorienzufuhr. Jene, die große Mengen an Essen zu sich nahmen, wiesen einen steilen Anstieg an verbrannter Energie durch Stoffwechselvorgänge auf. Die körperliche Genesung schritt somit bei sehr hoher Kalorienzufuhr wesentlich schneller voran, als bei niedriger. Über 6 Wochen lang, zeigte sich die Stimmungslage jedoch noch weitgehend depressiv und aggressiv. Diejenigen, die das meiste Gewicht zulegten, machten sich außerdem auffällig viele Sorgen über ihre Trägheit und Faulheit und entwickelten eine enorme Angst davor Dick zu werden. Dies ist auch ein Phänomen, welches oft bei Anorexie oder Bulimiepatienten festzustellen ist.
Nach diesen 6 Wochen wurden die Männer sich selbst überlassen und durften essen was sie wollten. 12 von ihnen wurden weiterhin über 8 Wochen im Labor überwacht. Die meisten von Ihnen entwickelten einen enormen Appetit, hatten ihr Sättigungsgefühl verloren und aßen im Schnitt über 5000 kcal pro Tag. Es war wichtig und richtig diesem Extremhunger Nachzugehen, damit der Körper möglichst schnell regenerieren kann.

Am Ende der Nachbeobachtung erreichten die Männer beinahe wieder das Gewicht und Fettlevel, welches sie vor dem Experiment hatten. Bei manchen dauerte dieser Prozess jedoch über ein ganzes Jahr. Das zeigt, wie sich das Körpergewicht und Fettlevel mit der Zeit wieder selbst ausgleichen können, vorausgesetzt, dem Körper wird ausreichend und uneingeschränkt Nahrung zugeführt.  Die Forscher folgerten aus diesem Experiment außerdem, dass für eine langfristige und nachhaltige Genesung und Erholung des Körpers in der Phase der Rehabilitation weit mehr Kalorien pro Tag zugeführt werden müssen, als ein gesunder Erwachsener normalerweise braucht.

Dass Experiment zeigt deutlich, dass Hungern über einen langen Zeitraum bzw. eine starke Gewichtsabnahme und Untergewicht nicht nur gravierende Auswirkungen auf den menschlichen Körper hat. Die psychischen Folgen und Symptome sind enorm und ähneln stark denen von Menschen mit Essstörungen.  Für die Behandlung von Essstörungen lassen sich dabei folgende Schlussfolgerungen ziehen:  1.) Ein hungerndes Gehirn arbeitet sehr schlecht und ist in seiner Funktion eingeschränkt  und 2.) Eine Nahrungszufuhr die über dem eigentlichen Bedarf liegt ist notwendig, um das Gewicht sowie die körperliche und geistige Gesundheit wiederherzustellen.

Dr. Emily Troscianko, Forscherin auf dem Gebiet der Essstörungen, fasste die Ergebnisse bzw. die Folgerungen die sich aus dem  Minnesota Experminent für Behandlung von Essstörung ableiten lassen folgendermaßen zusammen:

  1. Durch die Gewichtszunahme werden nicht nur die körperlichen Symptome wie ständiges Frieren, Schwächegefühl, schlechter Schlaf und geringe Konzentrationsfähigkeit, trockene Haut und Haare verschwinden, sondern auch die Art zu Denken und Fühlen wird sich verändern.

  2.  Es hat keinen Sinn auf den magischen „Einen“ Punkt zu warten, an dem man entscheidet mehr zu Essen und Gewicht zuzunehmen. Der Hungerzustand verhindert, dass man überhaupt dazu in der Lage ist daran zu denken anders essen oder leben zu wollen. Der Hungerzustand hat verborgen, wer man wirklich ist, was man wirklich denkt. Deshalb wird man niemals wirklich genesen wollen. Man muss sich also an die Hand nehmen und überwinden und sich in die erste Mahlzeit und den ersten Tag der Genesung stürzen.  Es wird immer leichter  je länger man damit weitermacht und ausreichend isst, Woche für Woche.

Versteht mich bitte mit diesem Beitrag nicht falsch. Ich möchte damit nicht sagen „mit einfach mehr essen ist alles behoben und ihr seit geheilt“. Ich möchte damit jedoch aufzeigen, dass sich ab einem gewissen Zeitpunkt bzw. Untergewichtsbereich, das Essverhalten bzw. die Gedankengänge meist verselbständigen und ganz automatisch ablaufen. Es setzt ein Teufelskreis ein, aus dem es nur schwierig ist ohne Hilfe auszubrechen.

Um auf die Metapher des dreibeinigen Stuhls zurückzukehren: Natürlich braucht es neben der Gewichtszunahme auch noch weiterer Therapien bzw. Standbeine damit man nachhaltig von einer Essstörung genesen kann und stabil bleibt. Jedoch ist mit einer Normalisierung des Essverhaltens und Gewichts bereits ein großer Schritt in die richtige Richtung getan und das erste Standbein steht. Auf die weiteren notwendigen “Standbeine” (körperliche Schonung und mentales Umlernen)  werde ich im nächsten Beitrag näher eingehen.

Wenn du näheres über das Minnesota Starvation Experiment erfahren möchtest empfehle ich dir das Buch „The Great Starvation Experiment: Ancel Keys and the men who starved for science, by Todd Tucker [University Minnesota Press, 2006].“

Hinweis: Der Beitrag basiert in Auszügen auf Veröffentlichungen des Eating Disorder Instituts (https://edinstitute.org/)

4 Kommentare zu „Was ein dreibeiniger Stuhl mit der Genesung von einer Essstörung gemeinsam hat: Teil 1“

  1. Danke, ich hatte langsam aufgegeben zu suchen, warum ich – obwohl ich essen oder Sport veränderte- letztes Jahr auf einmal über 18 Kilo zunahm. Es war teils kaum auszuhalten, ich hatte das Gefühl wahnsinnig zu werden. Es war wohl gut, dass ich im Ausland war und es daher „aushalten“ musste. Vielleicht ist unser Körper, ist unsere Seele oft der rettende Anker, weil es der Kopf ja doch nie zulassen würde.

    Es freut mich, dich nun ganz anders zu erleben (oder zu lesen). Perfekt wird es nie sein, egal ob Job oder Gedanken, aber das ist ja wohl das schöne am Leben.

    Ich wünsche dir noch ganz viel Mut und Ruhe!

    Alles Liebe,

    Viktoria

  2. Lea, ich finde es sehr treffend und gut in Worte verfasst wie du die Heilung der Magersucht beschreibst.
    Ich bin gespannt wie die weiteren 2 Pfeiler beschreibst 🙂

    Lea ich bin so glücklich Dich zu kennen!!!

    Lg Mara

    Freue mich von den anderen zwei Pfeilern zu lesen!

    1. Vielen lieben Dank Mara.
      Ich bin auch unglaublich froh, dass wir uns getroffen haben😊!

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