Wie alles begann

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So richtig erinnern, kann ich mich eigentlich gar nicht mehr, wie ich damals in die Essstörung „gerutscht“ bin. Es begann vor ca. sieben Jahren – wie bei so vielen – schleichend. Letztendlich sind es  ja meist mehrere Faktoren die dazu führen. So auch bei mir.

Von außen führte ich das perfekte Leben – Diplom-Wirtschaftsingenieurin, mit immer sehr guten Leistungen, nach dem Studium nahtlos in einem gut bezahlten Job gelandet und glücklich liiert. Im Innen sah es jedoch anders aus. Ich fühlte mich absolut unwohl in meinem Job. Es machte mir keinen Spaß, ich sah keinen Sinn darin und fühlte mich auch einfach in der Wirtschaft nicht wohl. Zu sehr widerstrebte mir das Profit- und Karrieredenken. Ich sah absolut keinen Sinn in dem was ich mache, wusste aber gleichzeitig auch nicht, wo ich eigentlich hin will. So begann ich, mich immer mehr in mich zurück zu ziehen. Ich spürte eine tiefe innere Leere, die ich irgendwie zu füllen suchte.

Zur gleichen Zeit erhielt ich nach einer längeren Phase starker Beschwerden und Schmerzen im Darmbereich die Diagnose einer chronischen Darmerkrankung. Hinzu kamen mehrere Nahrungsmittelallergien und Unverträglichkeiten, die alles nur noch schwieriger machten. Ich wusste irgendwann gar nicht mehr so richtig, was ich essen soll, was ich vertrage und hatte irgendwann auch überhaupt kein Hungergefühl mehr. Dies war letztendlich der Auslöser für mich, immer weniger zu essen. Essen assoziierte ich mit Schmerzen. Irgendwann merkte ich jedoch auch, dass durch das intensive Beschäftigen mit Essen und dem Planen von Mahlzeiten, mein Tag mehr Struktur und Inhalt bekam. Das Thema Essen nahm immer mehr Raum ein und füllte diese innere Leere. Nach und nach wurde das Ganze irgendwie zum Selbstläufer. Ich aß immer weniger, unabhängig davon, ob ich nun Schmerzen hatte oder nicht. Es hört sich total bescheuert an, aber damals sah in dem kontrollierten Essverhalten und dem permanenten Beschäftigen mit dem Thema Essen einen Sinn im Leben. Gegen die chronische Darmerkrankung nahm ich Medikamente, die die Beschwerden linderten. Doch das kontrollierte und eingeschränkte Essen hatte sich in der Zwischenzeit verselbständigt. Es war normal für mich geworden. Die Essstörung gab mir damals Halt, vermittelte mir irgendwie das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Ich hatte etwas gefunden, mit dem ich die innere Leere füllen und an das ich mich klammern konnte. Zudem begann ich regelmäßig zu Joggen. Das Joggen brachte mir Abwechslung, kurzfristige Glückgefühle  und war ja schließlich auch „gesund“. Eine fatale Kombination im Nachhinein.

Was folgte war zunächst eine langsame aber konstante Gewichtsabnahme. So weit, bis ich irgendwann auch die körperlichen und psychischen Folgen davon spürte. Mir war ständig kalt, ich schlief schlecht, war dadurch permanent erschöpft und meine Konzentrationsfähigkeit wurde schlechter. Im Kopf drehte sich bei mir vieles nur noch um Essen und nicht essen. Ich fühlte mich psychisch und physisch einfach miserabel. Irgendwann wurde ich dann auch von außen auf mein Verhalten und mein Erscheinungsbild angesprochen, bis dann auch mir dämmerte, dass irgendwas tatsächlich nicht mehr mit mir stimmen konnte. Ich fühlte mich körperlich richtig schlecht, konnte kaum noch schlafen und hatte auch irgendwie Angst. Das war auch letztendlich auch gut so. Eines Tages war dann der Tag gekommen, an dem ich entschied, dass es so nicht weitergehen kann. Dies war der Beginn eines langwierigen Heilungsprozesses.

Es folgten insgesamt ca. sechs Jahre Therapie, sowohl ambulant als auch mehrmals stationär. Und es gab durchaus Verbesserungen im meinem Verhalten. So schaffte ich es tatsächlich nach meinem zweiten Klinikaufenthalt meinen Sportzwang komplett aufzugeben. Heute ist Sport für mich, das was er letztendlich sein soll: Eine Methode um meinem Körper und auch meinem Geist Gutes zu tun. Ich hatte erkannt, dass das tägliche Joggen nicht ich bin, dass es mir eigentlich gar keinen Spaß macht. Vielmehr begann ich, mich mit sanften Sportarten wie Yoga und Pilates zu beschäftigen. Heute mache ich diese Sportarten zwar regelmäßig, aber auch nur dann, wenn ich spüre, dass mir das genau jetzt gut tut. Wenn ich mal zu müde bin oder absolut keine Lust dazu habe, dann lasse ich es bleiben.

Hinzu kamen mehrere Jobwechsel, immer mit der Hoffnung, diesmal den Job gefunden zu haben, der mich endlich erfüllte. Leider war das nie der Fall. So richtig „Klick“ gemacht, was mein Essverhalten anging, hatte es zudem leider auch noch nicht. Innerhalb des geschützten Raumes einer Klinik fiel es mir ziemlich leicht mit dem Essen, doch sobald ich zu Hause im Alltag war, fiel ich  immer wieder in alte destruktive Verhaltensweisen zurück. Ich schaffte es einfach nicht Normalgewicht zu erreichen, was jedoch ein großer Teil von mir sehnlichst wünschte, auch im Hinblick auf Familienplanung.

Anfang 2018 stand wieder einmal Klinik im Raum. Jedoch spürte ich innerlich einen enormen Widerwillen. So oft war ich bereits diesen Schritt gegangen und dann leider im Alltag immer wieder in meine alten destruktiven Verhaltensweisen zurück gefallen.  Ich setzte mir in den Kopf, dass es irgendwie auch anders gehen muss.
Ich begann Selbsthilfebücher und Bücher zur Persönlichkeitsentwicklung zu lesen, nein eher zu verschlingen. Ich besuchte einen 8-wöchigen MBSR Kurs (Mindful Based Stress Reduction), begann täglich zu meditieren und mich intensiver mit meinen eigentlichen Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Ich suchte nicht mehr im Außen, sondern im Innen.

Und eines Tages wurde mir plötzlich bewusst, dass ich noch jahrelang in Therapie verbringen konnte. Aber solange ich mich nicht selbst dazu entscheide, es anders zu machen, würde ich mich nur im Kreis drehen. Ich erkannte, dass nur ich diesen Schritt gehen kann, niemand kann ihn mir abnehmen.

Ich gab mir die Erlaubnis zu einem Neuanfang.

Fortsetzung folgt..

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